Supply Chain Resilience messen:

Wie widerstandsfähig sind

eure Lieferketten?

 

von Carolina Engl  – 6 Min Lesedauer
zuletzt aktualisiert 22.03.2022

Der 23. März 2021 wird sich vielen von euch ins Gedächtnis eingebrannt haben. An diesem Tag, um exakt 07:40 Uhr Ortszeit, gelang es dem Containerschiff Ever Given mit einem gewagten Manöver den Suezkanal zu blockieren und eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt wochenlang lahmzulegen.

Lieferketten auf allen Kontinenten wurden so über Nacht einem Stresstest unterzogen, wie ihn sich wahrscheinlich niemand gewünscht hat – und etliche Supply Chain Manager stellten erschrocken fest, dass es um die Resilienz ihrer unternehmenseigenen Versorgung eher schlecht als recht bestellt ist.

Damit euch ein ähnliches Schicksal erspart bleibt, empfiehlt es sich, eure eigene Supply Chain regelmäßig und gründlich auf ihre Belastbarkeit zu überprüfen. Wie ihr dabei vorgeht und welche Kriterien für eure Supply Chain Resilience (SCR) die wichtigsten Rollen spielen, erklären wir euch in diesem Beitrag.

Wann ist es sinnvoll die Liquidität zu erhöhen um Wachstum zu generieren?

Nehmen wir das Beispiel der zwei fiktiven Onlinehändler:innen “Maria” und “Markus”, die gemeinsam Regenschirme auf Amazon verkaufen. Die Produktverkäufe laufen recht gut, allerdings stehen die beiden momentan vor einigen Herausforderungen bzgl. Ihres weiteren Wachstums:

Problem 1: Versorgungsengpässe und fehlende Lagerbestände

"Im Herbst oder in längeren Perioden mit schlechtem Wetter haben wir eine unerwartet hohe Nachfrage. Deshalb sind die Produkte sehr schnell vergriffen."

Problem 2: Keine Liquidität für neue Produkte

“Wir sind von unseren Top-Sellern abhängig und müssen den Großteil unserer Liquidität für neue Aufträge aufwenden. Es ist sehr schwierig, neue Produkte zu testen und das Geschäft stabiler und widerstandsfähiger zu machen.

Problem 3: Geringes PPC- und Marketing-Budget

"Wir haben kein Geld für große PPC-Kampagnen – wir stecken unsere Marge in den Kauf von Produkten. Deshalb kommen wir in Sachen Sichtbarkeit und Branding nicht voran."

Wichtige Fragen bevor Ihr Fremdkapital aufnehmt

Die Aufnahme zusätzlicher Mittel von Dritten scheint bei diesen Herausforderngen eine einfache und schnelle Lösung zu sein. Allerdings gibt es wichtige Fragen, die Ihr Euch als Unternehmer:in stellen solltet bevor Ihr zusätzliches Fremdkapital aufnehmt. Dazu gehören unter anderem:

●  Welche regelmäßigen Einnahmequellen habe ich?
●  Welche Kosten kommen in der nahen Zukunft auf mich zu?
●  Wie lange ist mein Unternehmen schon auf dem Markt?
●  Was kann ich an Garantien geben?
●  Habe ich bereits laufende Kredite oder Ratenzahlungen?

Falls Ihr zu dem Schluss kommt, dass eine externe Finanzierung momentan für Euer Unternehmen in Frage kommt steht Ihr vor der Entscheidung, welche Art der Finanzierung am besten für Eure Unternehmenssituation geeignet ist. In den folgenden Abschnitten stellen wir Euch daher sechs der gängigsten Finanzierungsarten vor:

1. Erhöhte Liquidität und schnelleres Wachstum durch Eigenkapital (z. B. Freunde, Familie oder Business Angels)

Dies ist eine Art der schuldenfreien Finanzierung, bei der ein Investor Geld in Euer Unternehmen investiert und im Gegenzug einen Anteil am Eigentum erhält. Der Hauptvorteil für Euch besteht darin, dass Ihr die Investition nicht zurückzahlen müsst – dafür beiteiligt Ihr die Investoren allerdings an den erzielten Gewinnen Eures Unternehmens. Es fallen keine Gebühren/Zinsen an und Ihr haftet nicht persönlich mit Eurem Eigentum. Deshalb ist diese Art der Finanzierung besonders für Start-ups und KMUs interessant.

Die Eigenkapitalfinanzierung bringt jedoch auch einige Nachteile mit sich. Da Ihr einen Teil Eures Unternehmens abgebt (und damit auch künftige Gewinne), gilt Eigenkapital als die teuerste Form der Finanzierung. Persönliche Beziehung zu Investoren können außerdem belastet werden, wenn es mit dem Unternehmen mal nicht so läuft wie erwartet. Letztlich ist noch zu beachten, dass zwar keine direkten Gebühren oder Zinszahlungen anfallen, Eigenkapital aber zu Nachzahlungen aufgrund der Gesetzgebung für Schenkungen und entgangene Steuereinnahmen führen kann.

2. Geschäftskredit (z. B. Kreditlinie bei Eurer Bank)

Bei dieser, wohl häufigsten Art der Finanzierung, zahlt Ihr den aufgenommenen Kredit mit (in der Regel monatlichen) Zinsen innerhalb eines bestimmten Zeitraums zurück. Der übliche Zinssatz variiert  je nach Kreditnehmer und potenziellen Risiken, liegt aber in der Regel zwischen 1% - 10%.

Ein Geschäftskredit gilt in der Regel als tendenziell günstig, bietet eine große Auswahl und Vergleichsmöglichkeiten und ermöglicht es Euch einen persönlichen Ansprechpartner zu haben (je nach Bankinstitut).

Zwar ist eine persönliche Betreuung oft von großem Vorteil, allerdings haben größere Bankinstitute leider häufig ein mangelndes Verständnis für Euer Online-Geschäft und oft starrere Strukturen und längere Entscheidungsprozesse. Außerdem verlangen sie eine persönliche Haftung und feste Zahlungsfristen. Das führt bei vielen Unternehmern oft zu Frust, da zusätzliche Liquidität meist besser früher als später benötigt wird.

3. Finetrading

Finetrading basiert auf dem Verkauf von Rechnungen. Der Finetrader fungiert als Vermittler zwischen Lieferant und Käufer und finanziert Euren ausgehandelten Auftrag vor. Die Rückzahlung des Darlehens und der zusätzlichen Gebühren erfolgt über einen festen Zeitraum (normalerweise 2 - 6 Monate), in der Regel mit monatlichen Raten. Die Kosten beginnen in der Regel bei ca. 0,7% pro Monat auf den Gesamtbetrag (das entspricht ca. 1,2% Effektivzins pro Monat).

Einstellige Prozentbeträge sind dabei für die meisten Unternehmen noch problemlos verkraftbar und ein guter Indikator für eine zuverlässige Supply Chain. Denn Fehler wird es immer geben und selbst der beste Supply Chain Manager der Welt liegt nicht jedes Mal richtig. Spätestens aber, wenn sich eure Forecast Error Rate im zweistelligen Prozentbereich bewegt, besteht Handlungsbedarf.

Jetzt gilt es, die Fehlerquelle aufzuspüren: Werden Informationen nicht schnell genug weitergeleitet? Ist die Menge an vorliegenden Daten zu gering? Oder ist euer Zulieferer einfach notorisch unzuverlässig und ihr solltet euch nach einer Alternative umsehen?

#4 Der FM Global Resilience Index

Apropos unzuverlässige Zulieferer: Eine ebenso einfache wie effiziente Methode, eure Supply Chain auf ihre Resilienz zu überprüfen und gleichzeitig bessere Voraussagen zu treffen, ist ein Blick auf den FM Global Resilience Index.

Mit seiner Hilfe lässt sich die Widerstandsfähigkeit einer Supply Chain standortabhängig einordnen. 130 Länder werden nach den Kriterien Qualität der Infrastruktur, Umfang von Korruptionskontrollen, Transparenz von Lieferketten und Qualität der Zulieferer bewertet und sortiert.

Ein Blick auf die Weltkarte reicht aus und ihr könnt beruhigt das nächste Projekt planen, da eure Partner in Österreich sitzen (94,2 von 100 Punkten, Rang 8) – oder ihr solltet euch dringend nach einer Alternative zu Venezuela (1,5 von 100 Punkten, Rang 129) umsehen.

Selbstverständlich wird beim Blick auf den Global Resilience Index möglichst nicht nur eure Enderzeuger betrachtet, sondern es werden auch dessen Zulieferer mit einkalkuliert und der Durchschnitt gebildet. Kooperiert ihr etwa mit einer Fabrik im zuverlässigen Spanien (86,8 Punkte), die ihre Rohstoffe wiederum vom Nachbarn Portugal (76,8 Punkte), dem nahen Marokko (42,1 Punkte) und aus dem krisengebeutelten Algerien (31,2 Punkte) bezieht, ergibt das:

Ein vergleichsweise schlechter Wert, der auf zukünftige Probleme in eurer Supply Chain hindeutet.

#5 OEE: Der Effizienzindex

Das letzte Kriterium, anhand dessen sich die Resilienz eurer Supply Chain bestimmen lässt, ist die Overall Equipment Effectiveness (OEE) oder auch Gesamtanlageneffektivität – eine Kennzahl, die vorwiegend von produzierenden Unternehmen genutzt wird, sich in modifizierter Form aber auch für reine Händler:innen nutzen lässt.

Im eigentlichen Sinn wird für den OEE ein Blick auf die Maschinenlaufzeit eines Betriebes geworfen und dabei aus den Faktoren Verfügbarkeit, Leistung und Qualität ein Quotient errechnet, der die effektive Auslastung der Anlagen beschreibt; und zwar so:

Dabei beschreibt Verfügbarkeit die Zeit, die eine Maschine durchschnittlich zur Herstellung eines Teils benötigt. Qualität ist die Differenz aus der produzierten Gesamtmenge, abzüglich Teilen, die Ausschuss sind, beziehungsweise nachbearbeitet werden müssen. Leistung steht für die Laufzeit einer Maschine, bis sie gewartet werden muss.

Zunächst bildet der OEE einen hervorragenden Maßstab, um die Befähigung eurer Zulieferer zu überprüfen und damit die Belastbarkeit eurer Supply Chain zu bewerten. Zuverlässige und damit resiliente Unternehmen werden mit einem guten OEE werben oder ihn zumindest nicht verschweigen. Fabriken, in denen Maschinen häufig ausfallen oder die nur über wenige qualifizierte Mitarbeiter:innen verfügen, werden ihren OEE dagegen kaum enthüllen.

Auf euch als Händler:innen lässt sich der OEE wiederum in seiner klassischen Berechnung natürlich nicht direkt übertragen; sein Geist kann jedoch sehr wohl angewendet werden. Denn stellt ihr fest, dass es in eurem Lager häufig zu Leerlauf kommt und euren Pickern die Arbeit ausgeht, während sie zu anderen Zeiten völlig überlastet sind, ist das ein guter Indikator dafür, dass es in der Supply Chain hakt.

Vielleicht treffen Lieferungen nicht schnell genug ein oder erreichen euch zu gehäuft. Eventuell sind die Termine eures Zustelldienstes ungünstig gewählt oder es krankt in der Bestellabwicklung. In jedem Fall heißt es, Ursachenforschung betreiben, um so auch im Krisenfall eine gut funktionierende Supply Chain garantieren zu können.

Gewappnet für alle Unvorhersehbarkeiten

Zusammen bilden diese fünf Kriterien ein Framework, anhand dessen ihr eure Supply Chain Strategie auf ihre Resilienz messen, überprüfen und gegebenenfalls neu ausrichten könnt.

So seid ihr langfristig auf jede Krise vorbereitet und bleibt auch in Extremfällen handlungsfähig und lieferbereit. Denn machen wir uns nichts vor: Bis zur nächsten Katastrophe, ob Großbrand im Hamburger Hafen oder die Omega-Variante, ist es nur eine Frage der Zeit. Gute Argumente also, eure eigene Supply Chain Resilience möglichst zeitnah zu testen.

Titelbild von ds_30.

 

Carolina Engl

Content Marketing Manager

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