Stock Planning richtig umsetzen:

Forecast, Strategien, Formeln

 

von Carolina Engl  – 6 Min Lesedauer
zuletzt aktualisiert 21.04.2022

Die Bestandsplanung im eigenen Warenlager, auch Stock Planning genannt, gehört zu den wichtigsten und diffizilsten Aufgaben, denen ein Unternehmen sich gegenübersieht.

Denn was passiert, wenn dabei falsche Voraussagen getroffen werden und der Markt ungenau eingeschätzt wird, konnten wir alle vor einiger Zeit am eigenen Leib erfahren: Dass sich 2020 Menschen in deutschen Supermärkten um die letzte Rolle Toilettenpapier stritten, hat sich wohl in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt.

Um ähnlichen Krisen zukünftig vorzubeugen und euch dabei zu helfen, euer Lager immer auf dem optimalen Füllstand zu halten, haben wir in diesem Beitrag alle wichtigen Informationen rund um das Thema Stock Planning für euch zusammengetragen und übersichtlich aufbereitet.

Wann ist es sinnvoll die Liquidität zu erhöhen um Wachstum zu generieren?

Nehmen wir das Beispiel der zwei fiktiven Onlinehändler:innen “Maria” und “Markus”, die gemeinsam Regenschirme auf Amazon verkaufen. Die Produktverkäufe laufen recht gut, allerdings stehen die beiden momentan vor einigen Herausforderungen bzgl. Ihres weiteren Wachstums:

Problem 1: Versorgungsengpässe und fehlende Lagerbestände

"Im Herbst oder in längeren Perioden mit schlechtem Wetter haben wir eine unerwartet hohe Nachfrage. Deshalb sind die Produkte sehr schnell vergriffen."

Problem 2: Keine Liquidität für neue Produkte

“Wir sind von unseren Top-Sellern abhängig und müssen den Großteil unserer Liquidität für neue Aufträge aufwenden. Es ist sehr schwierig, neue Produkte zu testen und das Geschäft stabiler und widerstandsfähiger zu machen.

Problem 3: Geringes PPC- und Marketing-Budget

"Wir haben kein Geld für große PPC-Kampagnen – wir stecken unsere Marge in den Kauf von Produkten. Deshalb kommen wir in Sachen Sichtbarkeit und Branding nicht voran."

Wichtige Fragen bevor Ihr Fremdkapital aufnehmt

Die Aufnahme zusätzlicher Mittel von Dritten scheint bei diesen Herausforderngen eine einfache und schnelle Lösung zu sein. Allerdings gibt es wichtige Fragen, die Ihr Euch als Unternehmer:in stellen solltet bevor Ihr zusätzliches Fremdkapital aufnehmt. Dazu gehören unter anderem:

●  Welche regelmäßigen Einnahmequellen habe ich?
●  Welche Kosten kommen in der nahen Zukunft auf mich zu?
●  Wie lange ist mein Unternehmen schon auf dem Markt?
●  Was kann ich an Garantien geben?
●  Habe ich bereits laufende Kredite oder Ratenzahlungen?

Falls Ihr zu dem Schluss kommt, dass eine externe Finanzierung momentan für Euer Unternehmen in Frage kommt steht Ihr vor der Entscheidung, welche Art der Finanzierung am besten für Eure Unternehmenssituation geeignet ist. In den folgenden Abschnitten stellen wir Euch daher sechs der gängigsten Finanzierungsarten vor:

1. Erhöhte Liquidität und schnelleres Wachstum durch Eigenkapital (z. B. Freunde, Familie oder Business Angels)

Dies ist eine Art der schuldenfreien Finanzierung, bei der ein Investor Geld in Euer Unternehmen investiert und im Gegenzug einen Anteil am Eigentum erhält. Der Hauptvorteil für Euch besteht darin, dass Ihr die Investition nicht zurückzahlen müsst – dafür beiteiligt Ihr die Investoren allerdings an den erzielten Gewinnen Eures Unternehmens. Es fallen keine Gebühren/Zinsen an und Ihr haftet nicht persönlich mit Eurem Eigentum. Deshalb ist diese Art der Finanzierung besonders für Start-ups und KMUs interessant.

Die Eigenkapitalfinanzierung bringt jedoch auch einige Nachteile mit sich. Da Ihr einen Teil Eures Unternehmens abgebt (und damit auch künftige Gewinne), gilt Eigenkapital als die teuerste Form der Finanzierung. Persönliche Beziehung zu Investoren können außerdem belastet werden, wenn es mit dem Unternehmen mal nicht so läuft wie erwartet. Letztlich ist noch zu beachten, dass zwar keine direkten Gebühren oder Zinszahlungen anfallen, Eigenkapital aber zu Nachzahlungen aufgrund der Gesetzgebung für Schenkungen und entgangene Steuereinnahmen führen kann.

2. Geschäftskredit (z. B. Kreditlinie bei Eurer Bank)

Bei dieser, wohl häufigsten Art der Finanzierung, zahlt Ihr den aufgenommenen Kredit mit (in der Regel monatlichen) Zinsen innerhalb eines bestimmten Zeitraums zurück. Der übliche Zinssatz variiert  je nach Kreditnehmer und potenziellen Risiken, liegt aber in der Regel zwischen 1% - 10%.

Ein Geschäftskredit gilt in der Regel als tendenziell günstig, bietet eine große Auswahl und Vergleichsmöglichkeiten und ermöglicht es Euch einen persönlichen Ansprechpartner zu haben (je nach Bankinstitut).

Zwar ist eine persönliche Betreuung oft von großem Vorteil, allerdings haben größere Bankinstitute leider häufig ein mangelndes Verständnis für Euer Online-Geschäft und oft starrere Strukturen und längere Entscheidungsprozesse. Außerdem verlangen sie eine persönliche Haftung und feste Zahlungsfristen. Das führt bei vielen Unternehmern oft zu Frust, da zusätzliche Liquidität meist besser früher als später benötigt wird.

3. Finetrading

Finetrading basiert auf dem Verkauf von Rechnungen. Der Finetrader fungiert als Vermittler zwischen Lieferant und Käufer und finanziert Euren ausgehandelten Auftrag vor. Die Rückzahlung des Darlehens und der zusätzlichen Gebühren erfolgt über einen festen Zeitraum (normalerweise 2 - 6 Monate), in der Regel mit monatlichen Raten. Die Kosten beginnen in der Regel bei ca. 0,7% pro Monat auf den Gesamtbetrag (das entspricht ca. 1,2% Effektivzins pro Monat).

Die genaue Bedeutung von Lead Time Demand findet ihr in der nächsten Formel; an dieser Stelle ist es nur wichtig zu wissen, dass dieser Faktor sowohl die durchschnittliche Lieferzeit von eurem Produzenten an euer Lager berücksichtigt, als auch eure täglichen Verkäufe mit einschließt – denn je länger die Lieferdauer und je höher der Absatz, desto größer muss natürlich euer Safety Stock sein.

Der Koeffizient von 1,65 wiederum ist lediglich ein Richtwert, der für unterschiedliche Warengruppen durchaus variieren kann. Im Allgemeinen gilt: Je höher die Turn Over Rate, desto größer ist diese Zahl.

Lead Time Demand

Der Wert der Lead Time Demand (zu Deutsch: Vorlaufzeitbedarf) bildet den Gesamtbedarf einer Ware zwischen dem Zeitpunkt einer Nachbestellung und dem geschätzten Zeitpunkt für die übernächste Lieferung ab.

Oder anders ausgedrückt: Lead Time Demand verrät euch, wie viel ihr von einem Produkt bestellen müsst, wenn ihr sowohl die Lieferzeit, als auch euren Absatz berücksichtigen wollt. Errechnet wird er so:

Lead Time Demand = Lead Time ∙ Average Daily Sales

Die Lead Time entspricht hier der Zeitspanne, die von der Abgabe einer Bestellung bis zum Eintreffen der Ware in eurem Lager verstreicht. Wir empfehlen euch dabei, nicht einfach auf die Angaben eurer Zulieferer zu vertrauen, sondern immer ein wenig mehr Zeit für interne Vorgänge wie das Auspacken, Einsortieren und Einbuchen mit einzuplanen.

Die Average Daily Sales, also die durchschnittlichen täglichen Verkäufe, entnehmt ihr am besten euren eigenen Büchern. Je mehr Daten ihr dabei zu einem einzelnen Artikel zur Verfügung habt, desto besser.

Reorder Point

Nachdem wir nun ausrechnen können, wie gut es um das Stock Planning eines Artikels bestellt ist, wie viel wir von ihm ordern müssen und wie hoch unser Safety Stock sein muss, wäre es noch schön zu wissen, wann genau wir eine Bestellung aufgeben sollten – den Reorder Point.

Auch dieser setzt sich aus einer Formel zusammen, nämlich:

Reorder Point = Lead Time Demand + Safety Stock

Das Ergebnis ist natürlich kein Datum, sondern der minimale Lagerbestand, der erreicht werden muss, bevor die nächste Bestellung aufgegeben werden sollte. 

 

Stock Planning Software: Das Stock Planning digitalisieren

Natürlich ist unsere Auswahl an Formeln bei Weitem nicht vollständig und liefert primär Richtwerte für eine erste Einschätzung des Stock Plannings. Hinzu kommt wahrscheinlich, dass euer Sortiment mehr umfasst, als nur eine Handvoll an Artikeln und die händische Berechnung für jeden einzelnen von ihnen Unmengen an Zeit verschlingen würde. Eine digitale Lösung wäre demnach wünschenswert.

Stock Planning mit Excel solltet ihr dabei bitte sofort von eurer mentalen Liste möglicher Optionen streichen. Das Tabellenkalkulationsprogramm eignet sich vielleicht noch für gerade beginnende Start-ups und kleine Geschäfte; bei etablierten Unternehmen stößt es in Sachen Möglichkeiten, Umfang und Skalierbarkeit schnell an seine Grenzen.

Weniger eingeschränkt ist die Supply Change Management Lösung von SAP (SAP SCM); konzentriert sich neben der Logistikkette aber vor allem auf den Aspekt des Safety Stock Planning. Insbesondere Schritte, die zwischen Händler und Endkunden liegen, finden nur wenig Beachtung.

Wir empfehlen euch für euren Stock Planning Prozess daher in jedem Fall eine dedizierte Plattform, die mit eurem Unternehmen mitwächst und neben der Lagerhaltung am besten noch weitere Aufgaben rund um Fulfillment, Auftragsabwicklung und Versandprozesse übernehmen kann. 

Dieser Schritt bedeutet für euch kurzfristig zwar eine Investition, birgt langfristig aber so viel Optimierungs- und Einsparungspotenzial, dass er sich unserer Erfahrung nach immer rechnet.

Win-Win bei gutem Stock Planning

Der richtige Zeitpunkt, euch um eine Lösung für euer Stock Planning zu bemühen, ist genau jetzt. Zu zahlreich sind die Vorteile: Geringere laufende Kosten, weniger Kapitalbindung, optimierte Zulieferprozesse und zufriedene Kund:innen.

Wenn ihr dabei nicht in einem Wust aus Tabellen und Formeln ertrinken möchtet, existieren Plattformen, die euch einen Großteil der Arbeit abnehmen können. So sorgt ihr garantiert dafür, dass Bilder wie aus 2020 sich nicht wiederholen.

Titelbild von Kelly Sikkema.

 

Carolina Engl

Content Marketing Manager

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